03.12.2009 – Qualifikation und Weiterbildung 2010 – Wie findet mich das Glück?
FAZ – Von Karlheinz Ruckriegel und Brigitta Vochazer
Wie findet mich das Glück?
Macht Lernen glücklich? Wer diese Frage hört, mag zunächst erstaunt den Kopf schütteln und an eine mehr oder weniger erfolgreiche Schulzeit zurückdenken. Vergegenwärtigen wir uns aber die zahlreichen Herausforderungen, die wir tagtäglich in Beruf, Freizeit und Familie meistern, erhält das Lernen eine neue Dimension. Unser ganzes Leben ist ein Lern- und Erfahrungsprozess. Auf was müssen wir also beim Lernen achten, damit es zu einem Glücksfaktor in unserem Leben wird?
Glücklich ist, wer seinem Leben Sinn gibt. Die positive Psychologie nennt uns drei Voraussetzungen, unter denen wir sinnvoll handeln können: Wir brauchen Autonomie, Kompetenz und gute zwischenmenschliche Beziehungen. Hinter dem Autonomiebestreben verbirgt sich der Wunsch, Entscheidungen frei zu treffen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit Kompetenz beziehungsweise Fähigkeiten können wir schwierige Aufgaben erfolgreich lösen. Hier offenbart sich das Streben nach persönlichem Wachstum. Ein äußerst wichtiger Glücksfaktor sind positive Beziehungen im privaten wie im beruflichen Umfeld. Durch sie werden wir zum Teil einer Gemeinschaft, die wir mitgestalten können.
Lernen als positive Erfahrung steht mit diesen sinngebenden Faktoren in einem engen Zusammenhang. So spielt bei der Berufswahl nicht nur die Sicherung des Lebensunterhaltes, sondern auch die Suche nach einer erfüllenden Aufgabe eine große Rolle. Wir möchten unsere Stärken einbringen und einen Beitrag zum Gelingen der Gesellschaft leisten. Dafür sind wir bereit, während unseres gesamten Berufslebens neue Herausforderungen anzunehmen und dazuzulernen.
Dies nur mit Ehrgeiz und materiellen Zielen zu erklären greift zu kurz. Im Engagement für berufliche Ziele äußert sich auch ein Streben nach Glück - doch dieses wichtige Signal wird von vielen Arbeitgebern fatalerweise ignoriert. Es ist bezeichnend, dass es in allen westlichen Ländern trotz des steten Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre nie eine Zunahme der Lebenszufriedenheit oder des Glücksempfindens gab. Deshalb sollten gerade Unternehmen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Mitarbeiter ihren Beruf nicht nur als lästige Pflicht zur Sicherung der Grundbedürfnisse sehen, sondern auch als Berufung und als Terrain für ihre Weiterentwicklung. Dies kann durch gezielte Weiterbildung geschehen, die individuelle Stärken fördert.
Dass Zusammenhänge zwischen Lernerfolgen und Sinnhaftigkeit im Beruf bestehen, zeigt eine aktuelle, von TNS-Infratest begleitete Studie unter Absolventen von Fernlehrgängen der Studiengemeinschaft Darmstadt. Am meisten freuten sich die Befragten über den Selbstbeweis, der Herausforderung Fernstudium gewachsen zu sein. Ebenfalls wichtig war ihnen die Bereicherung des Lebens mit neuen und interessanten Inhalten. Zum Lernen motivierten sie auch berufliche Ziele wie etwa die Absicherung ihrer Position durch eine bessere Qualifikation, der Einstieg in einen neuen Beruf oder ein Karriereschritt. Die meisten haben sich bewusst für das Fernlernen entschieden, weil sie das Lernen flexibel in ihren Alltag integrieren und Eigenverantwortung für den Lernprozess übernehmen konnten.
Welche Voraussetzungen sollten also erfüllt sein, um das Lernen als einen Beitrag zum Lebensglück wahrzunehmen? Zunächst müssen Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen, in denen Mitarbeiter ihr Engagement einbringen können. Auch Entscheidungskompetenz innerhalb des übertragenen Aufgabengebietes fördert die Zufriedenheit und das Bestreben nach Weiterentwicklung. Zusätzlich sind kompetente Führungskräfte gefragt, die die Entwicklungswünsche ihrer Mitarbeiter ernst nehmen und wissen, wie sie Anerkennung für Erfolge vermitteln. Ein Mehr an Kontakten und Mitmenschlichkeit erhöht auch hier die Lebenszufriedenheit. Da dies letztlich auch voraussetzt, dass die Führungskräfte glücklich sind, gewinnt das Trainingsthema Glück derzeit auch in der Weiterbildung für Manager an Bedeutung.
Für Weiterbildungsmaßnahmen an sich sind folgende Faktoren entscheidend: Der Lernstoff sollte in sinnvolle Einheiten gegliedert sein, so dass die Lernenden Zwischenziele erkennen und sich häufig über kleine Lernerfolge freuen können. Außerdem ist eine intensive Rückkoppelung und Erfolgsbestätigung durch den Lehrer beziehungsweise Trainer wichtig. Viele Menschen schätzen auch den intensiven Austausch mit anderen Lernenden - ob im Präsenzseminar oder in einer Online-Community. Bei der Auswahl der Lernmethode sollten die subjektiven Bedürfnisse der Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen. So ist es für viele wichtig, ihr eigenes Lerntempo vorgeben und den Lernprozess selbst steuern zu können. Steht das Lernen in einem sinnerfüllenden Zusammenhang und berücksichtigt es die Vorlieben der Einzelnen, wird es zu einer positiven Erfahrung. Glückliche Mitarbeiter sind nicht nur zufriedener, sondern auch kreativer, lernfähiger, offener und produktiver. Es handelt sich also um eine Win-Win-Situation.
Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel, Makroökonom und Glücksforscher an der Fakultät Betriebswirtschaft der Georg-Simon-Ohm-Hochschule, Nürnberg; Brigitta Vochazer, Geschäftsführerin der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD)
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